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Der Flachs

Märchen von Hans Christian Andersen, Seite 1 ( von 3 )

Der Flachs blühte. Er hatte schöne blaue Blumen, die so zart wie die Flügel einer Motte, und noch viel feiner sind! - Die Sonne beschien den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn und das tut ihm ebenso wohl, wie es kleinen Kindern tut, wenn sie gewaschen werden, und dann einen Kuss von der Mutter bekommen, sie werden ja viel schöner davon, und das wurde der Flachs auch.
"Die Leute sagen, dass ich ausgezeichnet gut stehe", sagte der Flachs, "und dass ich schön lang werde, es wird ein prächtiges Stück Leinwand aus mir werden! Wie glücklich bin ich doch! Ich bin gewiss der Glücklichste von Allen! Ich habe es gut, und es wird etwas aus mir werden! Wie der Sonnenschein belebt und wie der Regen schmeckt und erfrischt! Ich bin ganz überglücklich, ich bin der Allerglücklichste!"
"Ja, ja, ja!" sagte die Zaunpfähle, "ihr kennt die Welt nicht, aber wir, wir haben Knorren in uns"; und dann knarrte sie ganz jämmerlich:
"Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Basselurre,
Aus ist das Lied!"
"Nein, das ist es nicht!" sagte der Flachs. "Die Sonne scheint am Morgen, der Regen tut wohl, ich kann hören wie ich wachse, und kann fühlen, dass ich blühe! Ich bin der Allerglücklichste."
Aber eines Tages kamen Leute, die den Flachs beim Schopfe fassten und mit der Wurzel herausrissen, das tat weh; er wurde in Wasser gelegt, als ob er ersäuft werden sollte, und dann kam er über Feuer, als ob er gebraten werden sollte, das war gräulich!
"Es kann Einem nicht immer gut ergehen!" sagte der Flachs. "Man muss etwas durchmachen, dann weiß man etwas!"
Aber es wurde allerdings sehr schlimm. Der Flachs wurde gerissen und gebrochen, gedörrt und gehechelt, ja, was wusste er, wie das Alles hieß; er kam auf den Rocken: schnurre rur! Da war es nicht möglich die Gedanken beisammen zu behalten.
"Ich bin außerordentlich glücklich gewesen!" dachte er bei aller seiner Pein. "Man muss froh sein über das Gute, was man genossen hat. Froh, froh, oh!" - und das sagte er noch, als er auf den Webstuhl kam, und so wurde er zu einem herrlichen großen Stück Leinwand. Aller Flachs, jeder einzelne Stängel kam in das eine Stück.
"Aber das ist ja ganz außerordentlich! Das hätte ich nie geglaubt! Nein, wie das Glück mir doch wohl ist! Ja die Zaunpfähle wussten wahrlich gut Bescheid mit ihrem:
"Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Basselurre!"

Das Lied ist keineswegs aus! Nun fängt es erst recht an! Es ist herrlich! Ja, ich habe gelitten, aber jetzt ist dafür auch etwas aus mir geworden; ich bin der glücklichste von Allen! - Ich bin so stark und so weich, so weiß und so lang! Das ist ganz etwas Anderes, als nur Pflanze zu sein, selbst wenn man Blumen trägt! Man wird nicht gepflegt, und bekommt nur Wasser, wenn es regnet! Jetzt habe ich Aufwartung! Das Mädchen wendet mich jeden Morgen und mit der Gießkanne erhalte ich jeden Abend ein Regenbad. Ja, die Frau Pastorin hat selbst eine Rede über mich gehalten und gesagt, dass ich das beste Stück im ganzen Kirchenspiel sei. Glücklicher kann ich gar nicht werden!"
Nun kam die Leinwand ins Haus, dann kam sie unter die Schere. Wie man schnitt, wie man mit der Nähnadel hineinstach! Das war wahrlich kein Vergnügen. Aber aus der Leinwand wurden zwölf Stück Wäsche, von der Art, die man nicht gern nennt, die aber alle Menschen haben müssen; es waren zwölf Stücke davon.





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